Unser Haus wird bevölkert von einer Vielzahl kleiner, eher unerwünschter Geschöpfe – davon bin ich nun, nach jahrelanger Forschung, überzeugt. Dass Kalorien kleine Tierchen sind, die nachts die Kleidung enger nähen, hat sich ja in den letzten Jahren herumgesprochen und zeitweise fühlen sie sich auch bei uns sehr wohl, besonders im Schrank meines Mannes und in meinem. Bei den Kindern werden die Klamotten eher zu kurz als zu eng und ich vermute, es liegt nicht an den Kalorien, sondern daran, dass aus Kindern Leute werden – was meint ihr?
In den letzten Jahren aber ist eine andere Population stark gewachsen und wenn man nicht mit aller Härte gegen sie vorgeht, okkupiert sie ein Zimmer, eine Wohnung und, wenn man nicht aufpasst, ein ganzes Haus samt Keller, Dachboden und Schuppen! Lange hab ich gerätselt, wer hier bei uns ein Eigenleben führt und nach eingehenden Beobachtungen, Recherchen und Feldversuchen bin ich dahinter gekommen: in unserem Haus leben nicht nur Kalorien, sondern auch Kuddel-Muddel!
Gesehen hab ich sie leider noch nicht, aber ihre Spuren finden sich überall. Besondere Vorlieben hegen die Kuddel-Muddel für leere Flächen und stille Eckchen hinter dem Sofa. Der Buffetschrank im Wohnzimmer, das Klavier und auch die Kommode sind beliebte Tummelplätze der kleinen Hausbewohner. Langsam und geduldig, manchmal jedoch auch in Windeseile, richten sie sich dort ein. Zunächst fällt es nicht auf, da schleppen sie nur die Tagespost dorthin, mittags dann das Bastelzeug, welches eigentlich vom Esstisch in die Kommode soll, aber dann von ihnen mühevoll zu einem sehr instabil aussehenden Haufen gestapelt wird. Fernbedienungen, Cremetuben, Rosenscheren, Notizzettel, Werbeprospekte, Spielsachen, DVDs, CD-Spindeln, Haargummis, Armbänder, Bücher, Stecknadeln, Locher, Digitalkamera, Kugelschreiber, Glückwunschkarten, Badekugeln … diese Aufzählung ließe sich seitenweise fortsetzen, denn die Kuddel-Muddel machen vor nahezu nichts Halt! Und es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit verlässlicher Regelmäßigkeit eine Fläche nach der nächsten wieder leerzuräumen – um Platz zu schaffen für neue Gebilde.
Aber es kommt noch schlimmer: Wohnzimmer, Küche, Kinderzimmer, Badezimmer und Schlafzimmer sind nur die gern besuchten Ausflugsziele, das Hauptquartier liegt wo anders. Oder sollte ich besser sagen, „die Hauptquartiere“? Denn ich denke, Kuddel-Muddel sind dezentral organisiert: das Gartenhäuschen und der Schuppen sind fest in ihren Händchen, ich glaube, einige haben es sogar bis in den Dachboden geschafft. Am meisten aber fasziniert mich ihre Arbeit im Keller. Dort halten wir uns kaum auf, dennoch sind wir mehrmals täglich unten – um Wäsche zu waschen, Getränke zu holen, Kartoffeln zu lagern … man sollte meinen, diese Aktivität würde die Muddel vertreiben. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Erst vor einigen Wochen haben wir dort alles aufgeräumt, auf dem Tisch konnte ich meine Wäsche zusammenlegen und der Boden war sauber und stapelfrei. Und jetzt? Steht der Tisch voller Körbe, Kisten, Flaschen, Karnevalskostümen, unter dem Tisch stapeln sich das Altglas und die Winterschuhe … Die Aufzählung könnte ich problemlos noch einige Zeilen weiterführen. Manchmal stehe ich fassungslos davor und frage mich „Wie werde ich die Kerlchen wieder los?“ Ich befürchte, das Unterfangen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Kuddel-Muddel sind Zivilisationsfolger, wir müssen mit ihnen leben wie mit den Fliegen, Mücken und Spinnen (von den Hausstaubmilben will ich gar nicht erst anfangen), die sich in unseren Häusern wohlfühlen. Deshalb werde ich meinen Frieden mit ihnen schließen. Ich räume ihnen ein eingeschränktes Aufenthaltsrecht ein, im Keller und im Schuppen, manchmal auch im Schlaf- und Badezimmer. In allen anderen Räumen werde ich sie, unterbrochen von kurzen Phasen des Kraftschöpfens (das Wort ‚Kapitulation‘ vermeide ich lieber), weiterhin unerbittlich bekämpfen.
Rabenmutter
Die Rabenmutter auf facebook